kerzeHeute ist Nikolaus. Der Tag für den in Deutschland die Kinder ihre Schuhe geputzt vor die Tür stellen, in der Hoffnung, dass der Nikolaus etwas Süßes hineintut. Der Tag an dem fröhliche Lieder gesungen werden. Der Tag, an dem das 6. Türchen im Adventskalender geöffnet wird, an dem Mütter ihren (erwachsenen) Kindern kleine Päckchen schicken, weil die Tradition so schön ist. Kindheitserinnerungen…
Auch ich habe jahrelang zum Nikolaus ein Päckchen von meiner großen Schwester bekommen. Das letzte Mal, an das ich mich sehr gut erinnere, war der 6. Dezember 1994. Ich war 26 Jahre alt. Der Tag, an dem ich den Nikolaustag als fröhlichen Tag vorerst aus meinem Leben gestrichen habe. Der Tag an dem mein damaliger Freund im Alter von 28 Jahren an Krebs gestorben ist. Der Tag an dem mich das Leben gelehrt hat, wie nah uns der Tod ist. “Nach kurzer schwerer Krankheit von uns gegangen”, “plötzlich”…

rolandRoland war Musiker. Aufgewachsen in Ost Berlin, immer schon ein Querdenker gewesen. Durch die Donau geschwommen um in den Westen zu fliehen. Sein Leben gelebt, so wie er das wollte. Lebenslustig, das Leben in vollen Zügen genießen, sich keine Sorgen machen. Sein großer Traum: ein Appartement am Central Park/New York. “Wenn ich reich und berühmt bin”. Immer die Gitarre dabei, immer ein Lied auf den Lippen. Komponieren, Lieder umschreiben. Die Beatles waren für ihn die beste Band aller Zeiten. Paul Mc Cartney Konzert Waldbühne Berlin 1993, eine Woche London auf den Spuren der Beatles, gelebtes Abenteuer.

Roland war nicht mein idealer Lebenspartner, unsere Beziehung war auch ohne seine Krankheit zum Scheitern verurteilt. Trotzdem war die Zeit mit ihm ein Teil meines Abenteuer Leben. In unserer kurzen gemeinsamen Zeit haben wir viel gelacht, getanzt, gesungen und gestritten. Er hat mir gezeigt, wie das Leben auch ohne großen Luxus geht. Ich fand es spannend, mit jemanden mitzugehen, der mir nichts bieten konnte, nur Unsicherheit und Aufregung, gepaart mit einer Lebensfreude und Positivität die alles gut machten. Auf viele Sorgen, die ich mit diesem Lebemann hatte, hätte ich gerne verzichtet. Die abenteuerliche Zeit mit ihm in Berlin möchte ich jedoch keinesfalls missen. Abenteuer Leben.

Selbst im Krankenbett hatte er noch die Gitarre in der Hand. Als die Kräfte ihn verließen sagte er zu mir: “Ach weißt du, wenn es jetzt zu Ende gehen muss, dann kann ich doch wenigstens sagen, dass ich mein Leben in vollen Zügen genossen habe – das ist doch das Wichtigste?”

Weise Worte eines 28jährigen Mannes.
Genieße das Leben, jeder Tag könnte der letzte sein!

Als ich an diesem kalten 6. Dezember 1994 von seinem Totenbett nach Hause kam, lag ein Päckchen mit Süßigkeiten vor der Tür meiner Berliner Wohnung. Nikolaus, meine liebe Schwester hatte an mich gedacht.

In memoriam