daggi-1978Neulich hat mich eine meiner ältesten bzw. längsten Freundinnen an den Spruch erinnert, den ich ihr vor gefühlten hundert Jahren in ihr Poesiealbum geschrieben habe:

Heut sind wir noch jung an Jahren,
doch die Zeit eilt wie der Wind,
ob wir wohl mit grauen Haaren,
noch wie heute Freunde sind ?

Diese Freundin war seit meiner Grundschulzeit sehr lange meine beste Freundin, bis wir uns irgendwann aus den Augen verloren haben. Vor zwei Jahren haben wir uns “wieder gefunden” und neulich erzählte sie also, dass sie diesen alten Poesiealbumspruch immer noch aus dem Kopf kennt!
Tja, das hat mich dann neugierig gemacht, was sie wohl in mein Album geschrieben hatte? Ich musste nicht lange suchen, meine beiden Poesiealben habe ich wie Schätze durch diverse Umzüge geschleppt. In beiden Büchern hat sie sich verewigt – einmal als „Mitschülerin“ und zwei Jahre später als „Freundin“.

Beim weiteren Blättern habe ich mich (fast) jeder einzelnen Person erinnern können. Das erste Buch habe ich 1976 in der Grundschule herumgegeben, das zweite Buch dann 1978/1979 in der 5. Klasse, als wir durch Schulwechsel neue Mitschüler bekamen.
Besonders schön finde ich die teilweise sehr gelungenen Zeichnungen! Die beiden folgenden sind übrigens von männlichen Mitschülern gezeichnet worden.

In ein Poesiealbum haben aber nicht nur Mitschüler und Freunde geschrieben, auch Lehrer, Nachbarn oder Verwandte durften sich hier verewigen.
Häufig wird Glück oder Liebe gewünscht, meistens gibt es Verhaltenstipps:

Nie verlerne so zu lachen, wie du jetzt lachst froh und frei, denn ein Leben ohne Lachen ist ein Frühling ohne Mai.

Oft drücken die Verse aus, nicht vergessen werden zu wollen:
Wenn die Flüsse aufwärts fließen und die Hasen Jäger schießen, und die Mäuse Katzen fressen, dann erst will ich dich vergessen oder
Freundlich räumst du ein Plätzchen mir in diesem Album ein, möchte auch in deinem Herzen niemals ganz vergessen sein.

Manchmal sind es tatsächlich Zitate berühmter Personen.
Man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut (Humboldt) oder
Nur mit dem Herzen sieht man richtig. Das Wesentliche bleibt den Augen verborgen. (A.de Saint-Exupéry)

Die Zeilen meiner bereits verstorbenen Eltern bekommen heutzutage eine ganz andere Dimension.

Ich erinnere mich, dass man es als eine Art Ehre und Freundschaftsbezeugung empfunden hat, wenn man in ein Poesiealbum hineinschreiben durfte, genauso groß war die Freude, wenn jemand sich so viel Mühe gegeben hat, etwas Schönes zu Zeichnen oder ein Bildchen geklebt hat. Ich habe da durchaus Unterschiede gemacht!

Dem online Lexikon Wikipedia entnehme ich, dass die Tradition des Poesiealbums heute wenn überhaupt, dann nur noch in Form eines Freundschaftsbuches besteht, in dem man auf vorgefertigten Seiten etwas über sich preisgibt, sowie Alter, Hobby etc.

Wenn ich auf die vielen Herzchen und Kleeblätter in meinem Album schaue, erfüllt mich liebevolle Wärme. Wir Kinder von damals haben uns in unserer Schönschrift und mit lieben Bildern und Grüßen gezeigt, dass wir uns mögen, dass wir unsere Freundschaften ernst nehmen und uns Glück im Leben wünschen!

engelDanke Daggi, dass du mich daran erinnert hast!

Was ist euer Lieblingspoesiealbumspruch?